Nicht richtig gegendert…

Eigentlich habe ich diesen Post in meinem Beziehungsblog veröffentlicht, da dieser aber noch recht wenige Leser hat, veröffentliche ich ihn auch hier, weil mich eure Ansichten interessieren würden:

 

Heute morgen musste ich seit langem mal wieder den Zug in die Arbeit nehmen. Da kam mir am Bahnhof ein viel zu fröhlicher 20-Jähriger entgegen, der jeden fröhlich grüßte und einfach generell ein bisschen überdreht war. Und weil ich ja auch kein kalter Klotz bin und er offenbar nach einem kleinen Tratsch suchte ging ich ein Gespräch mit ihm ein.

Beim Einfahren des Zuges fragte er ob er sich zu mir setzen dürfe und freute sich darüber das er mal jemanden zum Reden hat. Wärend der Fahrt sprach er dann etwas aus, wo ich jetzt noch nicht weis wie heftig ich den Kopf schütteln soll:

“Du bist nicht richtig gegendert”

WTF? Ich bin ihm jetzt aber nicht wirklich böse wegen der Aussage, aber… WTF? Er hatte es weder lustig noch gemein gemeint – einfach eine neutrale Feststellung. Und sie bringt mich zum Nachdenken. Zwar nicht in die Richtung das ich mich ändern sollte – nix da, ich bin viel zu bequem dafür mich in weniger bequeme, hübschere Klamotten zu schmeißen. Mein bevorzugter Stil ist: stilvoll abgefuckt aber sauber und schwarz. Dazu komm ich später noch ;)

Die Fragen über die ich eigentlich nachdenke sind:

  • Was sagt das dem, dem das aufgefallen ist über mich?
  • Hätte er auf irgendeinen bestimmten Hintergrund gehofft?

Und:

  • Denkt er an mir ist was faul deswegen?

Denn wenn es schon eine Erwähnung wert ist, entspreche ich nicht der Norm. Entspreche ich nicht dem Bild das er sonst hat. Undzwar so sehr das es ihm 1) auffällt 2) dem einen Namen geben kann.

Ich habe mir noch nie Gedanken darüber gemacht ob ich mich jetzt eher männlich oder weiblich kleide. Schließlich kaufe ich ja auch meine Klamotten in der Damenabteilung und nicht bei den Herren. Das die Klamotten, die ich kaufe meist nicht das sind was der Großteil an Frauen trägt – ok. Aber deswegen ist das doch nicht “falsch gegendert” ?

Was ich übrigens getragen habe, als ich dieses eigenartige Feedback bekam:

  • Einen kurzen Damenmantel mit Flokatikragen
  • Damenstiefel bis zum Knie, etwa 5cm Absatz
  • Eine Jogginghose in die Stiefel gesteckt (zu meiner Verteidigung: Ich habe die Bürohose drunter und ziehe die Jogging im Büro aus. Ich hasse die Kälte so sehr…)
  • Einen Zipper Hoodie

Alles schwarz schwarz schwarz und aus der Damenabteilung div. Onlineshops.

Vielleicht sieht man auch einfach nur auf den ersten Blick das ich mich nicht für die Öffentlichkeit herausputze. Das ich nicht versuche für Wildfremde oder Arbeitskollegen “hübsch” im klassischen Sinne zu sein.

Frühling, Herbst und teilweise Sommer trage ich sonst eine fette Bikerjacke. Dazu am Liebsten ein ärmelloses (Band)Shirt in schwarz – oder eins das mal schwarz gewesen ist (der selbstgemachte Used-Look gefällt mir immer noch am Besten)  DA hätte mich diese Aussage viel weniger gewundert, aber doch nicht wenn ich mich winterkleidungsbedingt schon an das angenähert habe, was andere als “Frau” bezeichnen.

Oder ist es der Umstand das ich nicht so weiblich dasitze? Wie sitzt man eigentlich weiblich? Warscheinlich nicht so wie ich, denn ich bekomme die Beine kaum zusammen. Meist sitze ich breitbeinig und in den Sitz gesunken da. Sind die Beine überschlagen ruht mein Knöchel oder die Wade auf dem Knie. Nicht gerade die Grazie, mit sittsamer Körperhaltung also, aber das wäre auch nur dann ein Problem wenn ich auch Röcke tragen würde…

Ich quietsche manchmal wie ein Girlie Girl wenn mein Freund und ich Rangeln, trage lange Nägel und Schmuck, komme bei Tierbabys nicht mehr aus den “Oh’s” und “Aw’s” heraus und gebe zu das ich mal einen Bollywood Fim gesehen habe bei dessen Ende mir die Tränen kamen – und ich habe mir erlaubt über diesen Kitsch zu heulen. Ich finde es sieht im Resturant auch immer besser aus wenn der Mann bezahlt (auch wenn er das bei der Hälfte der Gelegenheiten mit meiner Börse macht, da wir uns immer ausgleichen) und wenn mir anderswo gerade nach Klischee ist – dann bediene ich das auch.

Auf der anderen Seite schminke ich mich nicht, die Nägel wachsen einfach bis sie abbrechen und wenn die Schuhe dreckig sind, sind sie eben dreckig. Ich vergesse im Winter absichtlich die Beine zu rasieren, was ich wenn schon, auch nur bis zum Knie mache und zum Frisör gehe ich nur ungefähr jedes 10mal wenn meine Freundin meiner Mutter die Haare in unserer Küche macht. Umkleidekabinen sind ein Graus für mich und wenn ich in einen Klamottenladen gehe weis ich genau was ich brauche, hole mir das und stelle mich ohne Umweg an die Kasse. Blumen sind schön und ich freu mich wenn ich welche bekomme aber 15Sek. später weis ich schon nicht mehr wo hin mit dem nutzlosen Schrott. Dafür weis ich mehr über Werkzeug und seine Anwendung als mein Freund.

Und wisst ihr was? Ich bin verdammt stolz darauf das ich mich weder durch Gesellschaft noch Werbung dazu genötigt fühle darauf zu achten mit irgendwas konform zu gehen.

Und noch wichtiger: Ich fühle mich deswegen nicht schlecht. Ich habe keine Identitätskriese und es ist mir scheißegal wem das passt oder nicht.

  • Bin ich richtig gegendert?

Wozu?

  • Muss man eindeutig gegendert sein?

Nein.

  • Bin ich deswegen weniger Frau?

Nein.

Beweisführung abgeschlossen.

 

Was ist eure Meinung dazu?

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5 Kommentare zu “Nicht richtig gegendert…”

  1. Man muss sich ja fragen, was dieser Satz aussagt. Ich hätte ihn sofort so verstanden, dass man dich nicht in eine Kategorie stecken kann, also eher positiv. Denn, wenn du schreibst, was du anhattest (Stiefel z.B.), würde ich gar nicht auf die geschlechtliche Unterscheidung kommen. Und Gender kann auch allgemein als Zuschreibung von Eigenschaften verstanden werden. Es gibt auch ein soziales gendern, z.B. Ich denke, dass er eher das gemeint haben könnte. Du lässt dich also nicht kategorisieren von außen. Oder hat er das näher ausgeführt?

    „So wurde das soziale Geschlecht (gender) im weiteren Verlauf als unabhängig vom biologischen Geschlecht (sex) betrachtet. In den 70er Jahren wurde der englische Begriff gender im feministischen Sprachgebrauch als Analysekategorie aufgenommen, um die Unterscheidung zwischen biologischem und sozialen Geschlecht zu betonen und so einen Ansatz zu entwickeln, der die Veränderbarkeit von Geschlecht in den Blickpunkt rückt: Geschlechterrollen sind kein biologisches Phänomen, sondern stellen soziale Zuschreibungen dar. Sie werden in sozialen Interaktionen und symbolischen Ordnungen konstruiert und sind damit veränderbar. Mit gender werden scheinbare geschlechtsspezifische Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Identitäten in Frage gestellt und kritisiert – danach gibt es keine homogene Gruppe von „Frauen“ oder „Männern“ bzw. keine Definition für das was es heißt männlich oder weiblich zu sein.“

    https://www.uni-bielefeld.de/gendertexte/gender.html

  2. Sooo,… eine lange Antwort auf einen langen Kommi ;) Ich hoffe es ist nicht zu wirr geworden.

    Er hat es nicht näher ausgeführt. Ich war einerseits zu sehr überrascht um nachzuhaken – weil ich mir nunmal keine Gedanken darüber mache ob mein soziales Geschlecht mit dem biologischen übereinstimmt – geschweige denn das ich mein soziales Geschlecht gesondert wahrnehme. Ich bin einfach nur ich. Und plötzlich sagt wer sinngemäß du bist äußerlich weiblich aber beim Rest bin ich mir nicht sicher. (wenn man davon ausgeht das er das soziale Geschlecht gemeint hat)
    Was kann man darauf noch antworten, wenn der Gegenüber, den man 10 Minuten kennt versucht in Bereiche von dir vorzudringen, die du noch nichtmal selbst analysiert hast?
    Und was soll man da im Zug jetzt auch großartig erörtern? Warum soll ich überhaupt jemandem spontan mein soziales Geschlecht erklären?

    Es war für mich in dem Moment eine unangenehme Situation. Auch weil er zuvor noch erzählt hat das beide Elternteile Psychologen sind. (Muss nichts über den Jungen aussagen, aber es besteht schon irgendwo die Möglichkeit das er gewisse Verhaltens- und Denkmuster der Eltern angenommen hat)

    Jedenfalls habe ich nur gefragt „und weiter?“. Praktisch als „Angriff ist die beste Verteidigung“. Mit dem konnte er dann wohl nichts wiederrum anfangen und ich hab das Thema gewechselt.

    Was für mich aber nicht ganz zusammen passt: wir haben nicht sooo viel geredet (was ja hilfreich beim zuordnen des sozialen Geschlechts sein kann?), das Gespräch ging eher schleppend, er hat aber die eine oder andere Frage zu meinen Klamotten (Oakley, machen die nicht normalerweise Kosmetik?“) gestellt. Darum habe ich dieses „falsch gegendert“ auf meinen Kleidungsstil und damit auf mein Äußeres bezogen.

    Ich bin eben ein Mensch der es generell eine Unart findet alles gendern zu müssen. Bei mir darf eine Frau auch Techniker sein und muss nicht der Korrektheit halber TechnikerIn, GärtnerIn, etc. werden. Wenn man mich fragt was ich gelernt habe sage ich auch nicht ich habe „bautechnische ZeichnerIn“ gelernt, sondern bautech. Zeichner.
    Genauso überflüssig wie „die Töchter“ in der österr. Hymne. Durch sowas wird Gleichberechtigung nämlich langsam zur Farce. Deswegen will ich damit nichts am Hut haben und bin mäßig begeistert das man jetzt auch mich zu gendern versucht. Egal auf welche Art.

  3. Ich habe mich blöd ausgedrückt. Ich meinte, dass er vielleicht genau das damit sagen sollte: Du lässt dich halt nicht in irgendeine vordefinierte Kategorie stecken, sondern bist „nur“ du selbst. Aber vielleicht denke ich auch zu positiv über die Menschen^^

    1. Damit kann ich schon mehr anfangen :) Ich tu mir ein wenig schwer mit dem Begriff soziales Geschlecht, weil ich mich noch nie in Bezug auf mich selbst damit auseinandersetzen musste.
      Vielleicht hat er es auch so gemeint. Mich verwirrt nur das jemand den man nicht kennt, mit dem man eigentlich kaum geredet hat – und nichtmal was wirklich Persönliches, sondern eher so allgemeine Lebensumstände (vorwiegend seine) nach ein paar Minuten eine solche Feststellung abgeben kann. Das wäre das selbe als würden wir beide uns begegnen, wir reden 5 Minuten über den Blog und ich sage dann zu dir das du nicht richtig gegendert bist. Da fragt man sich doch wie das jetzt überhaupt zum Ganzen passt. Oder von mir aus sage ich auch zu dir das ich dich nicht einschätzen kann. Dann würdest du dir doch auch etwas in die Richtung denken: wieso willst du mich aufgrund der dürftigen Infos, die nichts mit meiner Persönlichkeit zu tun haben einschätzen können? ;)

  4. Ich wäre mir sehr, sehr komisch vorgekommen in der Situation. Meine wahrgenommenen Grenzen in einer derartigen Situation hättest du damit auf jeden Fall unterwandert, somit stimme ich dir zu.

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