“Von der Phantasie Besiegt” /Teil II

Abend, wieder zurück. Ohne gefrühstückt zu haben, noch zu Abend gegessen saß ich sogleich wieder in meinem privaten Arbeitszimmer. Ich brütete gerade über einer weiteren Passage als der Wind mein Fenster aufwehte und mir die Seiten verblätterte. Die klapprigen Fensterläden endlich niet und nagelfest verriegelt fiel mein Blick auf die aufgeschlagene Federzeichnung.

Hätte ich doch an dieser Stelle das Buch zugeschlagen und nie wieder geöffnet.

Doch ich verlor mich regelrecht zwischen den Zeilen. Bis zum Wochenende war ich mit den in den Seiten beschriebenen Fabelwesen bestens vertraut und malte mir in meinem Kopf selbst Geschichten darüber aus.

Eines Nachts als ich ausnahmsweise doch ein paar Stunden Schlaf fand riss mich ein lautes Donnern zurück ins Bewusstsein. Der Wind hatte erneut einen Weg gefunden die Läden zu entriegeln und mir wieder Dreck und Blätter ins Schlafzimmer zu wehen. Als ich an das Parapet trat, warf ich einen Blick in den klaren sternenübersäten Himmel und verweilte einen Moment, da mich wiedereinmal diese unerträgliche Leere und Gedankenlosigkeit befiel. Unten von der Straße drang der lallende Gesang zweier Betrunkener zu mir herauf und irgendwo einen Block weiter zelebrierte eine Katze ihre eigene misstönende Ouvertüre, bevor sie auf Mäusejagd ausziehen würde. Die Kälte nagte an meinen Knochen, doch mir war wie immer alles egal. Ich weis nicht wie lange ich da stand, doch nach einer Zeit kam es mir vor als ob gut die Hälfte der Sterne trotz der Tatsache das keine einzige Wolke in Sicht war, verschwunden war. Die Trinklieder und das Katzengejammer waren inzwischen verstummt und es herrschte eine Totenstille, in der sogar die Grillen wie peinlich berührt schwiegen. Ein weiterer Knall ließt mich herumfahren, denn der dicke Lederwälzer war von meinem Nachttisch auf die Dielen geknallt und die herausgelösten Blatter verteilten sich im Raum. Mit dem Wind im Rücken sammelte ich die verstreuten Kleinode wieder zusammen, als sich ein Unwetter aus dem Himmel löste und rasch zu wüten begann und mir die Gardienen samt Stange von der Decke riss. Durch den Unrat am Boden behindert versuchte ich dieser boshaften Naturgewalt Heinhalt zu gebieten, doch rings um mich tobte und pfeifte es als wären die Hunnen bei mir eingefallen. Ich war nahe daran mich für verrückt zu erklären, sammelten sich vor meinen Augen tatsächlich Windhosen die durch mein Zimmer tanzten. Völlig perplex stand ich still mit geneigtem Kopfe da als ein sich immer weiter ausdehnenderes Exemplar sich Stück für Stück auf mich zuarbeitete und bereits Blätter, Tücher und anderen Kram in sich tanzen ließ.

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