„Von der Phantasie Besiegt“ /Teil I

Ich muss anmerken das ich nicht wirklich in der besten Verfassung war. Es war einer jener typischen Wochen in denen man gern vor Langeweile das Zeitgefühl verliert. Der Stimmung nach befand ich mich in einem grauen Montag wobei mir der Kalender versicherte es sei Dienstag. Im Grunde nicht viel Unterschied. Genaugenommen nicht ein bisschen für mich. Zur Zeit waren eben alle Tage gleich und nichts, weder Arbeit noch persönliche Dinge waren von Belang. Man konnte es lebensmüde nennen, denn ich war müde. Weniger körperlich als geistig. Die nagende Leere in meinem Hirn drohte mir durch die Schädeldecke zu brechen und zweimal erwischte ich mich bei dem irrwitzigen Gedanken mit einer harten Wand dabei nachzuhelfen.

Es war eine endlos monotone Aneinanderreihung von sinnlos gelebten Momenten meines Lebens. Wäre mir nur ein halbwegs plausibler Gedanke gekommen, was ich mit der mir gegebenen Zeit Besseres anzufangen hätte, es hätte mich kein Sturm bremsen mögen. Mir fehlte nur jegliche Kreativität zum Leben – und der nötige Funke um die Lust eben auf jenes erneut zu entfachen.

So begab es sich, das ich bei der Erledigung der lebensnotwenigen Einkäufe von einem Ausverkaufsschild angelockt, in einen muffigen Antiquitätenladen stolperte, in dem die Luft vom alten Geruch vergilbter Bücher und hässlichen Möbelstücken – die wohl seit Jahrzehnten kein Besucher haben wollte – geschwängert war. Der Besitzer wollte den Laden aufgeben da er ihm nie das erhoffte Glück gebracht hatte und da er mir leid tat ließt ich mir einen alten foliant-artigen Ledereinband mit herausfallenden Seiten um ein halbes Pfund aufnötigen.

Wieder in meiner kleinen schäbigen Mietwohnung angekommen warf ich meine neuerworbenen Sachen erst einmal nur achtlos auf den Küchentisch – was eigentlich nur eine wurmstichige Holzplatte auf zwei Holzstützen war und mache mich endlich wieder im Schutz meiner kargen vier Wänden auf Zeit daran, mein ereignisloses Dasein weiter zu fristen.

Erst so gegen Abend drängte sich das zerfallene Buch wieder zurück in meinen Kopf und da ich dieser Tage nur recht wenig tiefgründige Gedanken hegte, schwirrte es mir von da an pausenlos durch meinen Schädel. Es schien mich geradezu magisch anzuziehen und trieb mich schließlich gegen Geisterstunde aus dem Bett in die Küche wo ich es Nachmittags unter Brot und Butter liegen gelassen hatte. Hier herrschte sowieso das Chaos. Beim Schein einer erbärmlich weit heruntergebrannten Kerze wuchtete ich es auf meinen Schreibtisch und starrte gebannt auf das brüchige Leder. Doch da es sich nicht aufregender Weise durch Zauberhand selbst aufschlug, musste ich nach eingehender Betrachtung des vielversprechenden Äußeren nach dem ersten Blick in das Innere feststellen, dass es vollständig in Latein verfasst war und kaum Illustrationen vorhanden waren. Frustriert dachte ich an meinen früheren Lateinlehrer der mir schon damals bei jeder Gelegenheit gesagt hatte ich sei auf diesem Gebiet ein hoffnungsloser Fall. Was mich in diesem Augenblick am härtesten niederschlug, war das es auch stimmte. Doch ich begann mich mit meinen geringen Sprachkenntnissen und einem alten Schulbuch hartnäckig durch die Nacht und Seite für Seite zukämpfen. Gegen Sonnenaufgang – etwa 6°°Uhr früh zu dieser Jahreszeit, hatte ich tiefe Furchen unter den Augen, sie schmerzten mir und ich war todmüde – aber seit Tagen zierte mein Gesicht zum ersten mal wieder ein Anflug von einem Lächeln. Der Inhalt bestand größtenteils aus blasphemischen Texten, verworrenen und veralteten Weltbildern und phantastischen Geschichten soweit ich verstand. Alles in allem eine recht ansehnliche Sammlung und ich brannte darauf weiter in die Materie einzudringen. Ich war außerstande alle Wörter zu übersetzen, einige Endungen bereiteten mir nach wie vor Kopfzerbrechen, auch nachdem ich den Sinn eines Absatzes bestmöglich entschlüsselt hatte und so beschloss ich mein dünnes Schullexikon baldmöglichst durch eine umfangreicheres Exemplar auszutauschen.

Der hallende Gong der Turmuhr hinter meinem verhangenen Fenster gemahnte mich jedoch zur Eile. Ich hatte die Zeit vergessen, ohne ihrer vorher bewusst zu sein, und war sowieso schon zu spät wegen meiner Arbeit dran. Noch lustloser als sonst begab ich mich in das kleine Büro Ecke Mall-Street 23 um meine Acht Stunden frühestmöglich dort abzusitzen und mich von wütenden Anrufern anbrüllen zu lassen.

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