~Die Halle [Schritt um Schritt]

„Ich schlage die Augen auf. Befinde mich zu meinem eigenen Entsetzen in einer alten verwüsteten Halle. Einer Fabrikhalle? Trotz der Stille und Leere habe ich das Gefühl als wäre hier vor Kurzem noch emsig gearbeitet worden. Vielleicht nur Einbildung. Verstreutes Papier auf dem Boden, demolierte Gerätschaften deren Überreste am Eisengeländer der Treppen nach wie vor fest verschraubt sind und von der Decke hängen Ketten. Was am meisten irritiert ist die gläserne Trennwand in der Mitte des Raumes. Bei einem Blick in die Höhen hinauf verrät mir eine Spiegelung das die Hälfte bis oben hin mit Wasser gefüllt ist, somit dient das Glas wohl nur zum Schutz wozu- und für wen auch immer. Nichts bewegt sich dahinter, das Wasser ist vollkommen still. Nicht einmal die Glieder der Ketten verraten Bewegung im Wasser und doch ist mir ungut zu mute. Wie aus dem Nichts erscheinen drei Menschen. Der gehetzte Blick in ihren Augen spricht Bände, doch da ich nicht weis wo und warum ich hier bin trete ich offen auf die kleine Gruppe zu und versuche mit Rufen ihre Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Sie ignorieren mich – nein, ich „existiere nicht für sie“ wäre treffender. Als ob ich nicht anwesend wäre. Ich beginne zu begreifen das dies ein Traum sein muss, und ich bin der Beobachter. Deshalb beschließe ich mich in meine stumme Rolle zu fügen und mich ihnen zu nähern um zu verstehen worüber sie sich unterhalten. Sie sprechen nicht. Sie werfen nur gehetzte, ängstliche Blicke um her. Durch mich hindurch. Es ist ein merkwürdiges Gefühl Menschen so nahe zu sein und dennoch nicht hier zu sein. Selbst in bewussten Träumen.
Sie verschrauben wortlos ein elektronisches Gerät am Geländer, zwischen den anderen kaputten Gegenständen, von denen man nicht mehr sagen kann was es einmal gewesen war. Danach machen sie Anstalten die Halle zu verlassen. Ich will ihnen folgen, doch es besteht eine unsichtbare Traumgrenze die mich zurückhält und als ich alleine bin, kommen sie…
Eine größere Gruppe – eine Horde! – Menschen. Rennend, sich stoßend, fauchend auf das elektronische Ding zu. Daran zerrend, reißend – in Stücke reißend – abbrechend was nicht Niet und Nagelfest war und sich mit ihrer Beute rasch wieder zurückziehend.
Diesmal hält mich nichts zurück und ich laufe ihnen hinterher.
Sie toben durch die Gänge, stürzen sich stets alle zugleich auf das selbe Objekt, das sie – wäre es nicht an irgendeinem Punkt fest verankert – in der Luft zerreißen würden. Stoßen sich von einander in ihrer Hetzjagd weiter, rempeln, schlagen, geifern, grunzen – denn zu mehr Lauten sind sie anscheinend nicht fähig.
Wir erreichen wieder meinen Ausgangspunkt. Den Raum in dem ich erwacht war – oder eingeschlafen? Denn ich träume. Ich muss träumen denn das Szenario welches sich mir hier bietet, kann nicht – darf nicht real sein. Auf der anderen Seite der Glaswand befindet sich wie mir nun auffällt ein Kind. Ein totes, welches am Grund an einem Bein festgebunden im Wasser schwebt.
Ich bin zuerst zu erschrocken das ich nicht bemerke das die wildgewordene Horde plötzlich verschwunden ist. Umso mehr versetzt es mir einen Schock als sie von oben herab in das Wasser eintauchen und zielstrebig auf das Kind zuschwimmen. Es sind ihrer so viele das ich nichts mehr von dem Kadaver sehen kann, denn alles was ich sehe ist ein wirrer Knoten aus Gliedmaßen die Wasser treten und sich wie Frösche um ihr neues Opfer scharen. Als sie davon wieder ablassen, ist das Kind erstaunlicher Weise unversehrt – nur anstelle der Augen klaffen zwei schwarze Löcher, aus denen sich noch schwach eine hellrote Wolke ergießt und sich mit den Wassermengen schnell vermischt.
Mir ist speiübel, ich bekomme es mit der Angst zu tun. Versuche mich zu verstecken doch es spielt sich nur die erste Szene wiederholt ab: Eine kleine Gruppe montiert Dinge im Raum, die sogleich von der wütenden Masse kurz und klein GERISSEN werden.
Wieder und wieder bevor ich zu den Leuten die mir noch recht normal scheinen, durchdringen kann sind sie wieder verschwunden und die Anderen kommen zurück. Graben ihre spitzen, gierigen Finger in jede Vertiefung, umklammern jede Ausprägung, versuchen jedes noch so kleine Stück abzubrechen und verschwinden wieder so schnell wie sie gekommen sind.
Mittlerweile mache ich mir nicht mehr die Mühe sie zu verfolgen, denn sie kehren immer zum selben Schauplatz zurück. Was dazwischen war kann ich mir bereits denken. Sie jagen sich stoßend und rempelnd durch die Gänge, bis sie sich letztendlich wieder bei mir angelangt am nächsten Gegenstand vergreifen bis nur noch das festverschraubte Gewinde am eisernen Geländer zurückbleibt – welches sie mit Sicherheit auch zerstören würden, würden sie nur irgendeinen Weg finden.
Die kleine Gruppe kehrt wieder zurück. Als sie sich wieder daran macht neues Gut an einem höher gelegenen Geländepunkt zu verschrauben stürzt ein Mann hinunter und bleibt regungslos liegen. Ist er nicht schon tot, so wird er es kurze Zeit später sein, denn das mir inzwischen vertraute Poltern und Beben des Bodens kündigt bereits die nahenden menschlichen Raubtiere an, was die zwei Zurückgeblieben zur schnellen Flucht veranlasst.
Wie Parasiten fallen sie über ihn her. Als ich vom Schock getrieben auf sie zurenne und einige zurückreiße, fährt es mir durch Mark und Bein als meine Hände tatsächlich Materie anzunehmen scheinen und die unerwartet warmen Schultern berühren. Es ist zu spät um weg zulaufen, doch bevor sie mich als würde ich noch immer nicht existieren zurück stoßen um ihr Werk zu vollenden, sehe ich die Augen des noch Lebenden: Sie erinnern an Murmeln, die auf harten Boden gefallen sind, bei dem ein Stück abgesprungen ist. An einen trüben Film der sich über die Pupillen zieht, doch nicht wegzuwischen ist – denn er ist von stumpfen Nägeln in die Hornhaut eingeritzt. An ein schartiges Messer, welches die erste Schicht von dem Glaskörper geschabt hatte. Und er blickt zu mir, ohne sich zu wehren, denn der Sturz hat ihn gelähmt. Seit ich eingeschlafen bin – oder aufgewacht, ist er der einzige der mich bewusst ansieht.
Doch der Augenblick dauert nur wenige Sekunden, denn ich werde wie bereits erwähnt brutal zurückgerissen und weggestoßen.
Ich kann mich nicht bewegen. Ich stehe stumm daneben und starre auf die sich hektisch windenden Leiber.
Als sie seine Augen genommen haben wenden sie sich mir zu. Der Mann hat mich gesehen, ihnen meine Existenz verraten.
Und da kommen sie. Schritt um Schritt auf mich zu. Ich träume, ich lebe!… Schritt um Schritt. Ich lebe… Schritt. Ich lebe… Um Schritt. Ich will leben… Schritt.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s